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Erfahrungen und Anekdoten beim Umgang mit den Tieren

Umgang mit den Heck-Rindern – Verhalten der Tiere

Ziege

Das Konzept der ganzjährigen Freilandhaltung auf Großkoppeln sieht vor, die Tiere möglichst „naturnah“ bzw. „wild“ zu halten. Dieser Idee sind in Deutschland grundsätzlich gewisse Grenzen gesetzt, auf den ca. 11 plus 2 ha Projektfläche Zwester Ohm I ist dieses Konzept kaum zu verwirklichen. Darüber hinaus bringt auch die Haltung von wildlebenden Haustieren die üblichen Kontrollen und Untersuchungen mit sich. Einmal im Jahr muss die Herde auf den Virus BHV-1 getestet werden, wozu den Tieren Blut abgenommen werden muss. Alle Neugeborenen müssen natürlich mit Ohrmarken versehen werden. Tierarztbesuche außer der Reihe aufgrund von Verletzungen oder Krankheiten – was bisher im Verlauf der Projektzeit bei der ganzen Herde nur zweimal vorgekommen ist – müssen natürlich genauso möglich sein.

Deshalb ist der Entschluss gefasst worden, die Tiere an die Gabe von Brötchen aus der Hand zu gewöhnen und diese „Leckerei“ als Lockmittel einzusetzen. Mit Hilfe von Brötchengaben werden die Tiere in den Fangstand gelockt, wo dann Blutproben genommen werden können, oder die Herde wird in bestimmte Bereiche gelockt, um an andere Stelle in Ruhe arbeite zu können, oder die Kuhmütter werden abgelenkt, um die neu geborenen Kälber mit Ohrmarken zu versehen. Auch die Gabe von Parasitenmitteln einmal im Jahr erfolgt quasi „ambulant“, indem die Tiere auf Handfütterungs- und Berührungsnähe an den Zaun gelockt werden.

Heckrind© Foto: Sascha Rösner

Das Konzept „sowenig handling wie möglich, soviel wie nötig“ hat sich extrem bewährt und durch eine klassische Konditionierung – Brötchengabe und Pfeifen bzw. Lockrufe – lassen sich die Tiere gezielt von irgendwo her holen und auch bis zu einem gewissen Maße führen. Durch die Erfahrung dieses Umgangs haben sich die Tiere ein Stück weit an Untersuchungen, Fangstand etc. gewöhnt und begegnen Maßnahmen, die ihren gewohnten Tagesablauf durchbrechen, mit weniger Angst. Ohne diese Verfahrensweisen wäre ein „handling“ der Herde nur mit großem Aufwand (z.B. Betäubungsschießen) oder gar nicht möglich.

Dass die Rinder extreme Gewohnheitstiere sind, ist schon erwähnt worden. So musste den alten Kühen zunächst beigebracht werden, fließendes Wasser überqueren zu können. Nachdem die Chefkuh Reni dies einmal gelernt hatte – offenbar war sie in ihrem bisherigen Leben mit dem Überqueren von Fließgewässern nicht konfrontiert worden – hat es ihr die Herde einfach nach gemacht.

In dieser Art des „Abschauens“ scheint in der Herde generell gelernt zu werden. Die Neuerung des Verzehrs von Drüsigem Springkraut wurde durch den kastrierten und in der Herdenhierarchie abseits stehenden Gustav eingeführt. Im darauffolgenden Herbst (2006) wurden die Pflanzen – jedoch nicht in großem Ausmaße – von Gustavs Schwester Gabi und seiner Mutter Gesine gefressen. Die Familie der Chefkuh Reni hat damit bisher nicht angefangen.

Bemerkenswert sind auch die besonderen Beziehungen der Tiere untereinander. Es ist selbstverständlich, dass jedes Tier ein Individuum ist und ganze eigene Wesens- und Charakterzüge hat. Es gibt Feiglinge, Schlaue, Dumme, Mutige und Angsthasen. Es gibt extrem neugierige und sehr vorsichtige, hektische und ruhige Tiere. Ebenfalls ist klar, dass die Beziehungen der Tiere untereinander von unterschiedlicher Qualität sind und nicht nur von der Herdenhierarchie geprägt. Die Tiere haben besondere Beziehungen zu ihren Verwandten, die sie natürlich erkennen, da sie einander bei der Geburt vorgestellt werden. Ebenfalls gibt es Freundschaften und persönliche Vorlieben, was in wissenschaftlichen Untersuchungen (vgl. Wasilewski u.a.) an Rindern du Schafen festgestellt wurde. Interessant ist z.B. auch folgende Beobachtung: Als der Stier Ludwig neu zur Herde kam, blieben beide Seiten über ca. ein Woche auf Distanz. Man hatte sich am Anfang kurz beschnuppert, hielt dann aber einen Mindestabstand von ein paar Metern. Ludwig war am Anfang natürlich ängstlich und verstört. Nach ca. einer Woche „traute“ sich die jüngste Kuh Gabi, die noch nicht gekalbt hatte, an Ludwig heran, nahm mit der Schnauze Körperkontakt auf (Fell lecken), ging nach einer Weile zu der im Abstand wartenden Herde zurück, worauf Ludwig ihr folgte und seit dem in die Herde integriert war. Kurze Zeit später hatte er den vakanten Posten des Leitstieres eingenommen. Diese besondere Beziehung zwischen Ludwig und Gabi ist bis heute geblieben. Sie ist die einzige, die z.B. aus einem Eimer mit Brötchen fressen darf, und dies auch, wenn sie gerade nicht „rollig“ ist.

Der Vollständigkeit halber soll hier erwähnt werden, das die Tiere (nicht alle in gleichem Maße) natürlich in der Lage sind, Dieselautos zu erkennen („Brötchenlieferwagen“), die Farbe der Autos, Stimmen von Menschen und die Bedeutung einzelnen Laute. Ihnen ist meistens klar, dass ein lautes kurzes Nein, als Laut oder in welcher Form auch immer, anzeigt, dass jetzt Schluss mit irgendetwas ist.

Die Beobachtungen zum Verhalten der Heck-Rinder an der Zwester Ohm könnten noch um ein Vielfaches erweitert werden. Sie stellen Einzelbeobachtungen dar und haben anekdotischen Charakter. Die geschilderten Beobachtungen sind natürlich nicht ausreichend wissenschaftlich belegt, doch gibt es vielfältige verhaltensphysiologische Untersuchungen u.a. an Nutztieren, deren Studium hier nur empfohlen werden kann.


Weideprojekte in Hessen – Online
Quelle: http://www.weideprojekte-hessen.de/weideprojekte/hessen/anekdoten/ [Stand: 18.10.2017]
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