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Flächeneignung - Vegetationstypen

Vegetationsverhältnisse

TrittschädenTrittschäden

Eine reine Mähwiesennutzung ist in der Grünlandbewirtschaftung Mitteleuropas eine relativ neue Erfindung. Je nach Region wurde bis ca. Ende des 19. / Anfang des 20. Jhdts. Grünland nahezu ausschließlich in einer Kombination von Beweidung und Mahd genutzt (Kapfer 2010). Daraus folgt, dass im Prinzip alle Pflanzengesellschaften des Grünlandes, mithin auch die darin vorkommen Pflanzenarten, über viele Jahrhunderte (mit-)beweidet wurden und damit „leben können“. Dies gilt für beweidungsempfindliche Arten genauso wie für pflanzensoziologische Charakterarten der gemähten Grünlandgesellschaften.

Natürlich gibt es aus naturschutzfachlicher Sicht Lebensraumtypen, Pflanzengesellschaften und Populationssituationen einzelner Arten, wo eine ganzjährige Beweidung weniger geeignet erscheint. Es sei aber hier schon gesagt: Beweidung ist nicht prinzipiell problematisch. Es ist viel mehr alles eine Frage der Intensität ist, d.h. der Dichte und des Beweidungsrhytmus.

Die Beweidung ändert vor allem die Struktur der Lebensräume und verschiebt die Häufigkeitsverhältnisse der Arten in den Pflanzengesellschaften.

Zum einen treten vor allem durch die ganzjährige Beweidung unmittelbare Veränderungen des Lebensraumes auf: der Boden wird lokal durch tritt-, wühl-, Grabbelastungen verdichtet oder aufgebrochen. Pflanzen mit erhöhter Tritttoleranz (einjährige, Rosettenpflanzen, “Rasenpflanzen”, Ruderalisierungszeiger) treten dort gegenüber Trittsensitiven (hochwüchsige Pflanzen, langsamwachsende oder rein samenvermehrende Arten) hervor.

Zum anderen beeinflusst die Gras-/Verbissaktivität das Artenspektrum. Arten mit passiven (z.B. Dornen) und aktiven (z.B. Gifte) Abwehrstrategien werden begünstigt, während “schmackhafte” Sprosse benachteiligt werden. Eher schmackhafte Pflanzen wir Orchideen werden bevorzugt gefressen, Enziane werden wegen ihrer Bitterstoffe eher gemieden. Diese generellen Aussagen treffen in der Praxis natürlich nicht immer zu. Auch gibt es zwischen verschiedenen Weidearten und -rassen große Unterschiede im bevorzugten Nahrungsspektrum, was wiederum die Selektion von bestimmten Pflanzenarten bewirkt und damit die Gesamtentwicklung der Pflanzengesellschaft beeinflusst. So fressen Rinder bekanntermaßen, in dem sie Pflanzen mit der Zunge abreißen, wobei sie nicht so tief kommen. Pferde hingegen knabbern die Vegetation mit Lippen und Zähnen ab, wodurch sie sehr tief auf den Boden kommen. Gleichzeitig mit der höheren Vegetationsnarbenbelastung durch ihre Hufe ist dies bei Besatzdichten zu beachten.

BrandknabenkrautBrandknabenkraut

Es gibt anhaltende Diskussionen über die Eignung ganzjähriger Beweidung zur Erhaltung und Entwicklung von Natur und Landschaft (Brunzel-Drüke 2008, S.173 ff.) Wir sind der Auffassung, dass es nahezu bei jedem Lebensraumtyp, bei jeder Pflanzengesellschaft eine Frage des Weidemanagements, d.h. der geeigneten Besatzsdichten und Bestoßungszeiten ist. Jede noch so beweidungssensitive Pflanzen- und Tierart lässt sich in einer Fläche halten, wenn die Besatzstärken niedrig genug sind. Und auch die meisten Pflanzengesellschaften bewahren ihren Charakter bei geeignetem Beweidungsmanagement. Allerdings können starke Verschiebungen in der Häufigkeit der Arten auftreten.

Dies gilt sowohl für beweidungsempfindliche Orchideenarten als auch für Kleinseggenrieder oder gemähte Salbei-Glatthaferweisen. Z.B. gibt es im Lahn-Dill-Bergland Magerrasen mit Brand-Knabenkraut, die seit Jahren mit Rindern beweidet werden und die Art häufiger wird. Im französischen Jura findet man gemähte Halb-Trocjkenrasen mit Arten wie Hummelragwurz, Wanzenknabenkraut, oder Riemenzunge, die von Rindern, Schafen oder auch Pferden beweidet werden. Kleinseggenrieder in den Mittelgebirgen sind wahrscheinlich immer auch beweidet worden, einige Pflanzenarten wie der seltene Sedum villosum sind als einjährige zur generativen Reproduktion auf Trittstellen angewiesen.

Anthropogene Pflanzengesellschaften, bei denen wir bei bisherigem Kenntnistand allerdings von einer Beweidung abraten würden, da der Charakter der Bestände vermutlich zu stark verändert würde oder da sie extrem gefährdet sind, wären z.B. Kalkreiche Sümpfe mit Kopfried und Sumpfknabenkraut u.a. sowie Pfeifengraswiesen und Stromtalwiesen mit viel Sibirischer Schwertlilie, Sumpf-Gladiole u.a. (vgl. auch Bunzel-Drüke et al. 2008, S. 175)

Beweidung kann dann ein Problem sein, wenn Populationen von seltenen und gefährdeten Arten auf den jeweiligen Flächen sehr klein sind. Selbst Populationen beweidungstoleranter Arten wie Arnika in Borstgrasrasen, die von Beweidung traditionell profitieren, können dann durch Beweidung geschädigt oder vernichtet werden.

In jedem Fall ist bei naturschutzfachlich sehr wertvollen Lebensräumen oder Populationen stark gefährdeter Arten ein projektnahes Monitoring und eine naturschutzfachlich kundige Begleitung der Beweidung notwendig.


Weideprojekte in Hessen – Online
Quelle: http://www.weideprojekte-hessen.de/grundlagen/flaecheneignung/vegetationstypen/ [Stand: 18.10.2017]
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