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Herdenführung

Gewöhnung an Menschen

Es ist wichtig, dass die Tiere zumindest an die für sie verantwortlichen Menschen gewöhnt sind und diese ohne Beunruhigung näher an sich herankommen lassen. Solche Bezugspersonen sollten die Weide regelmäßig besuchen und zumindest ab und zu etwas Lockfutter mitbringen, um das Vertrauen der Tiere zu erlangen. Nur so ist es möglich, im Bedarfsfall der Tiere habhaft zu werden.

Tiere, die trotz aller Bemühungen scheu bleiben und keine Annäherung zulassen, können die ganze Herde negativ beeinflussen und sollten besser aus der Herde entfernt werden. Das gilt nicht für Mutterkühe, deren Kälber noch nicht in die Herde integriert sind. Bei ihnen ist solches Verhalten normal. Angriffslustige Tiere, die sich annähernde Menschen schon bei Entfernungen von mehr als 30 m angreifen, sollten ebenfalls ausgesondert und aus der Herde entfernt werden.

Sozialstrukturen

In wilden Huftierherden, welcher Art auch immer, herrscht immer eine hierarchische Sozialstruktur. Es ist anzustreben, dass die Herden ihre arttypischen Sozialstrukturen auch in Ganzjahresweidesystemen ausbilden können. Beeinträchtigt werden kann die Bildung einer Rangordnung durch zu kleine Gebietsgrößen.

Nach außen deutlich erkennbarer Ausdruck für die Herausbildung einer Sozialstruktur (oder für deren Veränderung) sind Imponier- und Kampfverhalten. Herangewachsene Männchen werden irgendwann das dominante Männchen herausfordern, was zu schweren Kämpfen mit blutigem Ausgang führen kann. Um schwere Verletzungen zu vermeiden, sollten deshalb junge Männchen (oder das bisher dominante Männchen) rechtzeitig aus der Herde entfernt oder kastriert werden. Im Alltag auch etablierter Herden kann man immer wieder kleinere Rangeleien beobachten, die dazu dienen, die Ränge der Tiere zu überprüfen und zu manifestieren.

Jeder Neuzugang und jede Entnahme eines Tieres stellt einen Eingriff in die etablierte Sozialstruktur dar. Neuzugänge müssen ihren Platz in der Hierarchie erst einmal finden, Abgänge schaffen Lücken, die durch andere Herdenmitglieder aufgefüllt werden müssen. Während dieser Zeiten wird eine vermehrte Unruhe in den Herden nicht vermeidbar sein.

Jungtiere

Jungtiere kommen über den sozialen Rang ihrer Mutter oft in den Genuss, nicht ganz unten anfangen zu müssen. Dagegen müssen Jungtiere, die als Neuzugänge in eine fremde Herde integriert werden sollen, zumindest vorerst mit den niedrigsten Rängen vorlieb nehmen, was sich für den Beobachter z.B. darin äußert, dass die Tiere erst nach allen anderen Zugang zu einer Futterstelle oder Tränke bekommen. Die Betreiber müssen hier ganz besonders aufmerksam darauf achten, dass solche jungen und unerfahrenen Neuzugänge keinen Schaden nehmen. Besser ist es, Jungtiere mit samt ihrer Mutter in die neue Herde zu versetzen. Erfahrene weibliche Herdentiere erkämpfen sich normalerweise binnen weniger Tage ihren Platz in der Rangordnung einer neuen Herde.

Artenmix (Multispeziesbeweidung)

Da verschiedene Weidetierarten unterschiedliche Nahrungspräferenzen haben und auch unterschiedliches Nahrungsaufnahmeverhalten zeigen, treten Weidetiere verschiedener Arten, die auf einer Fläche zusammen gehalten werden, kaum in direkte Nahrungskonkurrenz. Die Erfahrung zeigt, dass in der Praxis kaum Streitigkeiten auftreten und zuweilen sogar gemischte Herden gebildet werden.

Ein bereits vielfach erprobter und bewährter Artenmix ist die Kombination von Rindern mit Pferden, ebenso werden häufig Schafe und Ziegen zusammen gehalten. Andere Kombinationen wurden bisher kaum, manche sogar noch nie getestet. Werden solche wenig erprobten Artenkombinationen ausprobiert, so ist zumindest in der Anfangsphase eine intensive Beobachtung erforderlich. Zeigt es sich, dass die kombinierten Arten miteinander unverträglich sind, sollten sie möglichst schnell wieder getrennt werden.

Bei Multispeziesbeweidung sollten unabhängig von den beteiligten Arten folgende Punkte beachtet werden:

  • Je beengter die Verhältnisse und je weniger Geländestrukturen vorhanden sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwischenartliche Konflikte auftreten. Deshalb eignen sich gemischte Herden besonders gut für sehr große und reich strukturierte Weideflächen.
  • Streitigkeiten zwischen den Arten können v.a. um begrenzte Ressourcen entstehen, z.B. an Futterplätzen, Salzlecken, Tränken oder Unterständen. Bei Multispeziesbeweidung sollten solche Einrichtungen in ausreichendem Abstand voneinander mehrmals angeboten werden, damit ein Zugang in getrennten Gruppen gewährleistet werden kann.
  • Werden Schafe oder Damwild zusammen mit Rindern gehalten, sollten die Rinderlecksteine für Schafe und Damwild unzugänglich angeboten werden, da sie zu hohe Kupferanteile haben. Für die kleineren Weidetiere sind eigene Leckstellen passender Mineralienzusammensetzung einzurichten.

Genetik

Zur Vermeidung von Inzuchteffekten sollte in Herden, in denen nur ein dominantes Männchen für die Fortpflanzung sorgt, regelmäßig (ca. alle zwei Jahre) ein Austausch mit anderen Zuchtlinien stattfinden. Man kann entweder einen Bullen erwerben oder - als kostengünstige Alternative - mit anderen Züchtern tauschen.


Weideprojekte in Hessen – Online
Quelle: http://www.weideprojekte-hessen.de/grundlagen/projektplanung/herdenfuehrung/ [Stand: 18.10.2017]
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