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Erste Ergebnisse des Beweidungsprojektes “Zwester Ohm I”

Veränderungen auf ganzjährig von Heckrindern beweideten Koppel Zwester Ohm I

Allgemeine und strukturelle Veränderungen

Veränderungen der Vegetation im Beweidungsprojekt Zwester Ohm I zwischen 2003 und 2007 Vegetation Zwester Ohm 2003 Vegetation Zwester Ohm 2007

Neben deutlichen Veränderungen in der Vegetationszusammensetzung (s.u.) fallen vor allem Veränderungen der Struktur der Vegetation auf. Zu nennen ist hier neben den Veränderungen an den Bäumen der Auwälder (s.u.) vor allem, dass kaum abgestorbenes oder überständiges Pflanzematerial über den Winter auf der Fläche steht. Hiervon profitieren konkurrenzschwache Pflanzenarten besonders im Frühjahr, da sie in den „leeren“ Raum wachsen können und nicht erst eine Decke abgestorbenen Materials durchstoßen müssen.

Als neue entstandene Struktur sind die ausgetretenen Kuhpfade besonders hervorzuheben. Diese entstehen dadurch, dass Rinder gerne auf bekannten Wegen gehen. Hierzu gehört auch, dass immer die gleichen Übergänge über das Fließgewässer benutzt werden, so dass es hier im Uferbereich zu rutschen- und badewannenähnlichen Randstrukturen kommt. Über fast drei Jahre haben die Rinder im Projektgebiet immer nur einen Bachübergang gewählt, bevor sie einen zweiten aquiriert haben. An ihrem bevorzugten Schlafplatz unter hohen Bäumen ist der Boden stark verdichtet und durch das Lagern nahezu vegetationslos.

Auffällige Veränderungen sind auch im Bereich der Fauna zu beobachten. Seit 2003 haben sich in den Seggenriedern und feuchten Wiesen die Sumpfschrecke (St. grossus) und die Große Goldschrecke (Chrysochaon dispar) sehr stark vermehrt bzw. konnten erstmalig festgestellt werden. Weiterhin können seit Beginn der Beweidung häufiger das Kleine Nachtpfauenauge (Saturnia pavonia) und Violetter Perlmutterfalter (Brenthis ino) beobachtet werden. Inwieweit dies mit der Beweidung zu tun hat, kann jedoch nicht geklärt werden.

Häufiger beobachtet werden Bekassine und Braunkehlchen, doch scheinen sie immer noch nicht wieder im Projektgebiet zu brüten.

Vegetation Zwester Ohm 2007

Bestandsentwicklung FFH-Anhang-II-Art Maculinea nausithous

Maculinea nausithous Bestandsentwicklung

In fünf Teilpopulationen des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings im Projektgebiet "Zwester Ohm I" werden die seit 2003 die Individuenzahlen entlang von festgelegten Transekten gezählt. Die Zählungen erfolgen zum jeweiligen Populationsmaximum. Fläche I hingegen wurde 2009 zum Teil gar nicht genutzt, zum Teil nur gemulcht und lag 2010 ebenfalls brach.

Veränderungen der Vegetation

Hochstaudenbrachen

Entwicklung Hochstaudenflur: Hochstaudenflur August 2003August 2003 Hochstaudenflur September 2004September 2004 Hochstaudenflur August 2005August 2005 Hochstaudenflur August 2006August 2006 Hochstaudenflur September 2007September 2007 Hochstaudenflur September 2008September 2008 Hochstaudenflur September 2009September 2009 Hochstaudenflur August 2010August 2010 Hochstaudenflur Oktober 2011Oktober 2011

Zu Beginn der Beweidung im Juli 2003 viel das Gebiet durch ausgedehnte Großseggenrieder und große Hochstaudenfluren auf, die aus nährstoffreichen Feucht- und Frischwiesen sowie Säumen hervorgegangen sind. Diese Hochstaudenfluren wurden von Brennnessel (Urtica dioca), Rohrglanzgras (Phalaris arundinacea) und Drüsigem Springkraut (Impatiens glandulifera) dominiert (vgl. Abb. Vegetation 2003). Diesen war in geringer Deckung und nur stellenweise Mädesüß (Filipendula ulmaria), Zottiges Weidenröschen (Epilobium hirsutum), Carduus crispus, Wiesenknöterich (Polygonum bistorta), Carex acutiformis und – sehr selten und nur vegetativ, die Sumpfdotterblume (Caltha palustris) beigesellt. Mit weiteren nitrophytischen Arten wie Klebrigem Labkraut (Galium aparine) und Giersch (Aegopodium podragraria) konnten die Hochstaudenbrachen weitgehend dem pflanzensoziologischen Verband des Aegopodion oder Bachröhrichten (Phalaridion) zugeordnet werden.

Im Projektgebiet war es Ziel und Auflage nach der Renaturierung des Fließgewässers selbst, die vorhandenen, z.T. sehr nassen Feuchtwiesen weiter und die feuchten Hochstaudenbrachen (und auch die Großseggenrieder) neu bzw. wieder zu nutzen, was gar nicht oder nur in Teilbereichen durch Mähnutzung gelang.

Durch die Beweidung – vor allem während des Winters, da die Tiere während des Sommers besseres Futter bevorzugen – haben sich die ehemaligen Hochstaudenbrachen in vier Jahren in drastischer Weise verändert. In jenen Teilen, wo Rohrglanzgras und Brennnessel dominierten und nicht zu nasse Verhältnisse vorherrschten, ist deren Dominanz gebrochen und der prägende Charakter beseitigt. Hier finden sich heute Grünlandbestände, in denen Brennnessel und Rohrglanzgras zwar immer noch häufig ist, die jetzt etwas zu selten genutzten frischen Fettwiesen ähneln, z.B mit Ruderalisierungszeigern wie Ackerkratzdistel (Cirsium arvense). Hier ist auch das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) häufiger geworden. Am interessantesten entwickeln sich aber diejenigen Bestände, in denen auf feuchteren Böden Arten der Mädesüßfluren und der Sumpfdotterblumenwiesen noch beigemischt waren. Sie ähneln jetzt schon wieder kurzrasigen, artenreichen Feuchtwiesen des Calthion, in denen die Sumpfdotterblume (Caltha palustris) wieder stark hervortritt und mit ihren gelbblühenden Horsten im April auffällt. Daneben treten nun auch andere Arten wie Waldsimse (Scirpus palustris), Zweizeilige Segge (Carex disticha), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Sumpf-Storchschnabel (Geranium palustre), Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre) oder Herbst-Zeitlose (Colchicum autmnalis) deutlich in den Vordergrund. Diese Arten waren wahrscheinlich vorher auch schon vorhanden und wurden durch die Konkurrenz von Rohrglanzgras und Brennnessel in Entfaltung und Blüte unterdrückt. In den Bereichen der Hochstaudenfluren, die an die Groß-Seggenrieder grenzten, ist Carex acutiformis häufiger geworden, wodurch diese Bereiche jetzt zwischen Feuchtwiesen des pflanzensoziologischen Verbandes Calthion und den Großseggen-Dominanzbeständen vermitteln.

Gemähte Feuchtwiesen

Die extensiv genutzten, mageren Frischwiesen mit Großem Wiesenknopf (Sanguisorba major) und stellenweise Wassergreiskraut (Senecio aquaticus) zeigen bis zum heutigen Zeitpunkt kaum strukturelle Veränderungen durch die Beweidung. Bemerkenswert ist in diesen Beständen jedoch, dass Sanguisorba major stark zugenommen hat, der Kleine Klappertopf (Rinanthus minor) 2005 an einer Stelle zum ersten Mal festgestellt wurde und sich seit 2006 dort drastisch ausbreitet, und das 2007 an zwei Stellen erstmalig das Echte Labkraut (Galium verum) auf der Koppel beobachtet wurde. In den feuchten Teilbereichen innerhalb einer zwar extensiv genutzten, aber nährstoffreicheren Wiese am Nordostende der Unteren Koppel sind die Veränderungen der Vegegtation stärker (s. Vegetationskarten). Wurden diese Bereiche 2003 von Carex distica dominiert, der in geringen Anteile neben Arten des Arrhenatherions noch Carex acutiformis, Kukucks-Lichtnelke (Lychnix flos-cuculi) und Faden-Binse (Juncus filiformis) beigesellt waren, tritt C. disticha 2007 deutlich in den Hintergrund. Bestimmend ist jetzt Scirpus sylvaticus. 2005 blühten in diesem Bereich die ersten zwei Horste Caltha palustris, waren es 2007 schon über 10 Horste, die eine Gesamtflächen von mehr als 20 m² einnahmen.

Frischwiese mit Großem WiesenknopfFrischwiese mit Großem Wiesenknopf

Interessanterweise hat sich der Feuchtbereich, der durch Arten des Calthion gekennzeichnet wird, seit Beginn der Rinderbeweidung deutlich auf Kosten der umgebenden Frischwiesenvegetation ausgedehnt. Dieser Trend scheint auch nach den feuchten Jahren 2004 und 2005, die auf das trockene Jahr 2003 folgten, in 2006 und 2007 anzuhalten. Eine mögliche Erklärung liegt möglicherweise in der Trittverdichtung durch die weidenden Rinder.

Artenarmes, intensiv genutztes Grünland

In dieser Vegetationseinheit sind bis jetzt ebenfalls nur geringfügige Veränderungen zu beobachten. Diese bestehen am augenfälligsten in der Einwanderung von Arten, die vorher in der intensiv genutzten, zwei- bis dreischürigen Mähwiese nicht zu beobachten waren. Zu nennen sind hier vor allem Beweidungszeiger wie Gänseblümchen (Bellis perennis) und Weiß-Klee (Trifolium repens), an feuchten Stellen fällt kleinflächig jetzt Carex acutiformis, C. disticha und Riesen-Schwaden (Glyceria maxima) auf. Aber auch Ruderaliserungszeiger wie Cirsium arvense, Impatiens glandulifera und Rumex obtusifolius scheinen häufiger geworden zu sein.

Großseggenrieder

Die ausgedehnten Großseggenrieder auf der unteren Koppel des Projektgebietes Zwester Ohm I werden durch Reinbestände von Carex acutiformis gebildet, die in weiten Teilen aufgrund des hohen Grundwasserstandes, vor allem aber wegen der fehlenden Nutzung bultig wächst. Im Jahre 2003 waren in den nahezu reinen Seggenbeständen andere Pflanzenarten gar nicht oder bis maximal 5 % Deckung vertreten. Es handelte sich hierbei um an wenigen Stellen Wasser-Ampfer (Rumex hydrolapathum) und seltener eingestreute Individuen von Filipendula ulmaria, Glycveria maxima, Symphytum officinale, Galium palustre, Eplobiam hirsutum, Impatiens glandulifera, Lythrum salicaria u.a.

Über die zurückliegenden vier Beweidungsjahre wurden die Groß-Seggenrieder zunächst entlang von Kuhpfaden, die die Rinder als Gewohnheitstiere immer wieder benutzen, aufgebrochen. Vor allem entlang dieser Pfade fressen die Tiere Triebe der Seggen, im Winter sogar abgestorbenes Seggenmaterial. Vor allem treten auf und am Rande dieser Pfade andere Arten der Feuchtwiesen, Hochstaudenfluren und ruderale Arten auf und dringen in die Segenrieder ein. Auf diese Weise sind vor allem Arten wie Beinwell (Symphytum officinale), Mädesüß (Filipendula ulmaria), Wasser-Knöterich Polygonum amphibium, Scirpus sylvaticus und Geranium palustre, aber auch Cirsium arvense und Impatiens glandulifera, in den Beständen häufiger geworden. Dort wo die Seggenrieder an den Rändern auf weniger nassem Boden wachsen, werden sie flächig vom außen her befressen und dünnen so allmählich aus. Vor allem an diesen Stellen ist Geranium palustre, Carex disticha, Potentilla anserina, Caltha palustris und Colchicum autumnale häufig geworden. Das plötzliche und massive Auftreten der letzten beiden Arten in bestimmten Bereichen ist wohl darauf zurückzuführen, dass diese unter der lebendigen und/oder abgestorbenen Seggendecke im Kümmerzustand noch vorhanden gewesen sein müssen.

In den größten Teilen auf sehr feuchten und nassen Böden hat sich jedoch bisher kaum was an der totalen Vorherrschaft von Carex acutiformis verändert. Allerdings sind die beschriebenen Dominanzbestände auf geschätzten 10 – 20% ihrer ursprünglichen Fläche von 2003 durch die beschriebenen, artenreicheren Übergänge zu feuchten Hochstaudenfluren, Feucht- und Frischweisen, in den Carex acutiformis jedoch immer noch bis zu 75 % einnimmt, ersetzt worden.

Auwälder

Vegetationsentwicklung Auwald: Auwald August 2003August 2003 Auwald August 2006August 2006 Auwald September 2007September 2007

Deutlich Veränderungen sowohl in Hinsicht der Vegetation als auch hinsichtlich der Struktur sind in den Auwäldern zu beobachten. Diese bestehen zumeist aus dem Weidenbastard Salix x rubens und Grau-Erle Alnus incana (viele schon abgestorben), mit einzelnen Eschen (Fraxinus excelsior), Spitz-Ahorn (Acer platanoides) und Stiel-Eichen (Quercus robur). Die Bestände sind im Zuge der Renaturierung Ende der der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts gepflanzt worden. Schon nach zwei Beweidungs-Wintern waren sehr viele Weiden geschält. Einige Tiere fressen während der der Hungerperioden im Winter gerne die Salycyl-haltige Rinde. Noch bedeutsamer ist jedoch, dass schon nach diesen zwei Jahren alle Weidenzweige, die in erreichbarer Höhe des „Äsers“ der Heck-Rinder liegen, abgefressen waren, so dass der Auwald bis in Kopfhöhe „durchschaubar“ wirkt. Vor allem Gebüsche wie Ohrweiden (Salix aurita), Schneeball (Viburnum opulus), Trauben-Kirsche (Prunus padus) wurden stark befressen und dezimiert. Selten sterben hierbei die Individuen jedoch gänzlich ab. Schwarz- und Grauerlen werden gar nicht befressen. Von den Weiden und von den Sträuchern werden ganze Zweige gefressen, in dem diese mit den Hörnern eingefädelt, heruntergezogen und dann seitlich ins Maul genommen werden.

Insbesondere im Frühling 2007 konnten die massiven Veränderungen auch in der Krautschicht der Auwälder beobachtet werden. Die Auwälder wirken in Teilen wie eine grasige Parklandschaft. Gräser wie Weißes Straußgras (Agrostis stolonifera) haben stark zugenommen, aber auch der Wald-Gelbstern (Gagea lutea) ist häufiger geworden. Im Hochsommer 2003 wurden die Auwälder von Großer Brennnessel (Urtica dioica) dominiert. Die zweithäufigsten Arten waren Giersch (Aegopodium podagraria) und Impatiens glandulifera. Ansonsten enthielten die jungen, gepflanzten Auwälder nur wenige Arten wie Klebriges Labkraut (Galium aparine) in der Krautschicht. Heute bestehen diese Brennnessel-Gierschfluren nur noch in wenigen Teibereichen, die nicht so zugänglich sind. Insbesondere die Brennnessel wird als grüner „Wintersteher“ vor allem nach Frost gerne von den Rindern gefressen. Die Krautschicht wird jetzt von Impatiens glandulifera dominiert, die häufiger geworden ist (siehe Problemarten).


Weideprojekte in Hessen – Online
Quelle: http://www.weideprojekte-hessen.de/forschung/ergebnisse-weideprojekte/zwester-ohm/ [Stand: 17.08.2017]
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